Sanierun Thusis (Foto: Roger Frei)Der klassiszistische Bau an der Hauptstrasse ist erhalten geblieben, der Anbau im Hof hingegen wurde umgestaltet und aufgestockt. Fotos: Roger Frei

Seit 1877 ist das Haus im Besitz der Familie Trepp, die hier wohnte und anfangs mit Glas, später mit Futter und Lebensmitteln handelte. Roch es einst in Thusis nach Kaffee, dann röstete «Trepp & Co.», erzählt Verena Trepp mit Stolz. 2005 konnte sie das Elternhaus übernehmen und wünschte sich eine Renovation mit Lift. Geschickt verschob Pablo Horváth den ersten Treppenlauf und platzierte an dessen Stelle den Lift. Damit schafft er es, alle Geschosse und Zwischenpodeste zu verbinden. Den Anbau stockt er mit einem Terrassenzimmer auf. Schon während der Studienzeit um 1930 soll Rudolf Olgiati die ersten Umbauten im Haus gemacht haben, so die Familiensaga. Noch heute zu sehen ist das «Bubenzimmer» im Dachgeschoss und die Umgestaltung der Stube im zweiten Obergeschoss, wo er anstelle einer Wand eine geschwungene Vorhangschiene einbaute. Warum Horváth im umgestalteten Anbau die «klassische Moderne» sieht, kann er nicht genau erklären. Ist es die plastische Gestaltung oder sind es die stehenden Fenster, die sich an der klassizistischen Fassade des Hauptbaus anlehnen? Text: Ivo Bösch

Sanierung und Anbau Wohnhaus Trepp
Neudorfstrasse 64, Thusis GR
> Bauherrschaft: Verena Trepp, Thusis
> Architektur: Pablo Horváth, Chur
> Anlagekosten (BKP 1–9): CHF 1,9 Mio.


Thursday, November 17, 2011

Rudolf Olgiati - Der Raum

 
Eine harmonische Beziehung zwischen Breite und Länge eines Raumes kann man nicht durch feste Zahlenverhältnisse - wie sie in der Zeit unter Palladio festgelegt wurden - erzielen. Der Gehalt an Schwarz einer Wandtönung bestimmt für unsere Augen die Lage der Wand. Darum töne ich eine Wand, die den Raum in Wirklichkeit zusammendrückt, mit einer Farbe, die Schwarz enthält. Wenn ich sie nur wenig abbauen will, färbe ich sie mit einem gelblichen Ton, wenn mehr, dann mit einem blauen Ton, da blau sehr viel mehr Schwarz enthält als Gelb. Die Wahl des Farbpigments hängt also auch von dieser Überlegung ab und nicht nur von der Absicht, mit dem Farbpigment, z.B. mit Rot, die Sache lebendig zu machen. Wenn die Stirnwand eines Raumes mit vertikalen Streifen zerschnitten wird, rückt sie sehr in die Ferne. Die profilierten Deckstreifen einer klassischen Holzvertäfelung erweitern den Raum sehr. Dazu kommt noch dass die Äste in den Holzfüllungen diese optisch sehr auflösen. Quadratische Räume in alten Patrizier-/Bauernhäusern, wie in der vorgenannten Ausführungen mit Holz verkleidet, ergeben - so klein sie evtl. auch sind - eine weiträumige Wohnatmosphäre. Mit Kaseinfarben getönte Wände ergeben ähnliche Resultate, da jede Farbe Schwarz enthält, und Schwarz flieht für die Augen. Bei all diesen Problemen ist die zu erzielende Wirkung entscheidend. Der Farbauftrag muss selbstverständlich durchscheinend sein - wie es eben Kaseinfarben sind - damit die weisse Grundierung den Raum erhält. Die Sitzgruppe, ein wichtiger Treffpunkt, wird z.B. in der neueren Architetkur dadurch in den räumlichen Schwerpunkt gerückt, indem sie in der Mitte der inneren Langwand den Cheminéewandauschnitt einfasst. Dieser Cheminéeausschnitt muss bodeneben sein, damit die Sitzgruppe die mittelpunktbildende Bodenfläche in die schwarze Öffnung hinein ausdehnt. Es gibt nichts Schlimmeres als Cheminées, die irgendwo platziert werden, nur um zu zeigen, dass man zur vornehmen Gesellschaft gehört. Bei sichtbaren Balkendecken harmonisieren die Raumlänge querlaufenden Deckenbalken den Raum. Die quadratischen Kassetten der klassischen Architektur fixieren die Sache perfekt. Dazu kommt noch, dass sie den Raum nach oben hin öffnen. Dunkle, lackierte Nussbaumböden, wie man sie neuerdings in renovierten Museen findet, erzeugen einen Abgrund. Eine kleine hellgrau gescheuerte gotische Dachtruhe, in einem solchen Raum gestellt ist ein Unding. Leute, die den ganzen Tag kulturelle Schätze bearbeiten, sollten für diese Überlegungen einen Sinn entwickelt haben. Der Aussenraum, z.B. die engen Gassen in den Zentren ist auch von diesen Überlegungen abhängig. Man kann z.B. die Fassaden einer kulturellen Institution nicht mit einem grauen, harten Abrieb überziehen. Abrieb und Besenwurf lösen die Wände des wertvollen Inhaltes total auf. Das Resultat ist die Erkenntnis, dass Leute, die solche Sachen praktizieren, keinen Zugang zu ihren ureigensten Problemen haben. Schön ist es, wenn man es sich leisten kann, einen Aussenraum, der gut mit dem Hauptinnenraum zusammenhängt, von Einblicken abzuschirmen. Eine 1.80 m hohe Mauer umschliesst diesen Intimraum, in dem man nicht jedes Detail vom Nachbarn beobachtet wird. Die Gartenbeete in diesem gebauten Raum sind selbstverständlich rechteckig. Die Bepflanzung muss inner- und ausserhalb dieser Wände standortgerecht - auch in Bezug auf die Sonneneinstrahlung und auf die Lichtkegel - gewählt werden. Ein Platz, oder bessere gesagt ein Freiluftraum in einer städtischen Agglomeration wird gebildet durch den Ort umgrenzende, prismatische Gebilde - es können ebensogut Hochhäuser sein - und nicht durch grosse Werbetafeln und Namensschilder etc. In alten Dörfern wurden kleine Plätze, Treffpunkte der Bewohner, durch kubische Häuserfronten gebildet; Diese öffneten sich an diagonal geführten Gassen. Um nicht auf dem Platz auf den Freund oder Bekannten warten zu müssen, waren an den Häusern Spitzerker angebracht, die die Übersicht über das Gassengeschehen ermöglichten. Ein quadratischer, nackt prismatischer Kirchturm fixiert den Ort als Mittelpunkt maximal. Es gibt nichts Dümmeres, als diese durch rauhen Verputz, unnötige Schlitze und grosses Vordach aufgelösten Kirchtürme. Fast noch dümmer sind diese genial durchgearbeiteten Skultpuren. Auch ein Gerüst, auf dem ein kleines Glöckchen hängt, ersetzt keinen Kirchturm. Ein glatt verputzter, weiss gekalkter Kirchturm ohne jeden Dachvorsprung hält sich optisch auch neben einem prismatischen Hochhaus, das aus Sichtbeton besteht.

aus: Rudolf Olgiati: Eine Streitschrift. Magazin und Buch, Stuttgart 1994